Offener Brief aus dem Connewitzer Nachtleben

Lieber Sexismus,

wir kündigen.

Um den Gerüchten zuvorzukommen möchten wir, acht MitarbeiterInnen aus einem Connewitzer Nachtclub, unsere geschlossene Kündigung erklären. Wir sind in unserer Stellung machtlos, da wir ersetzbar (bzw. bereits ersetzt) sind und möchten uns deshalb auf diesem Weg Gehör verschaffen. Manche von uns arbeiteten schon viele Jahre in diesem Club, andere nur wenige Wochen, doch wir alle waren erschreckend häufig Opfer von strukturellem Sexismus von Seiten der Gäste, aber in erster Linie von übergeordneten Angestellten. Wie gravierend dieses Problem schon in der Vergangenheit war, wurde uns erst klar, als wir uns außerhalb der Arbeit austauschten. Die schiere Anzahl der Vorfälle und deren Ausmaße waren erschreckend. Die Problematik war auch dem Inhaber bekannt, weshalb wenige Wochen zuvor auf unsere Initiative hin klare Ziele gesetzt wurden, um das Tresenpersonal vor übergriffigem Verhalten und in Konfliktsituationen zu schützen und die Solidarität im Team zu verbessern. Keines dieser Ziele wurde realisiert oder auch nur in Angriff genommen. Einfache Grundsätze wurden nicht eingehalten, wie beispielsweise auf Raten der Angestellten Gäste zum Gehen zu bitten.

Zu den Kündigungen hat jedoch ein Vorfall am Freitag, dem 14.6.19 geführt. Nachdem ein Mitglied des Tresenpersonals gebeten hatte, einen Gast des Clubs zu verweisen, weil dieser das Mitglied des Personals [in der Vergangenheit] sexuell missbraucht hatte, wurde vom Türpersonal nicht reagiert, die Vorwürfe als nichtig und „Privatangelegenheit“ abgetan. (Nachtrag vom 24.07.19. : Die Personen, die persönlich in den dem 14.06.19 vorausgehenden Vorfall involviert waren, haben sich mittlerweile geeinigt und es wurde eine für beide tragbare Lösung gefunden.)

Aus unserer Sicht musste es Konsequenzen geben. Beispielsweise, dass Mitglieder des Teams gekündigt, bzw. von gewissen Aufgaben befreit werden. Das wurde vom Inhaber als Erpressung aufgefasst. Nachdem es Gespräche zwischen einem Repräsentanten unserer Gruppe und zuerst einem Protagonist des Abends, dann mit dem Inhaber gab, haben wir das immer wiederkehrende Angebot für weitere Gespräche abgelehnt. Beiden Seiten war zu diesem Zeitpunkt klar, dass keine unserer Auflagen erfüllt werden wird. Wir wissen, dass neue Gespräche und Zielsetzungen zu keinen Änderungen führen, wenn Menschen mit vorgegeben feministischen, aber eigentlich veralteten und chauvinistischen Ansichten diejenigen sind, die diese Änderungen durchführen müssen. Es ist eine alteingesessene Elite, die diesen Club seit vielen Jahren führt und ihre Vormachtstellung nicht verlieren will. Die Kündigung war der einzige Weg, mit dem wir uns dagegen zu helfen wussten. Die Loyalität des Tresenpersonals untereinander hat es uns ermöglicht, den Führungskräften des Clubs ein Signal zu senden, da wir gemeinsam zwei Drittel des gesamten Tresenpersonals ausmachten. Wir konnten es nicht weiter mit unserem Gewissen vereinbaren, in diesem Club zu arbeiten und nehmen nun die emotionalen und finanziellen Folgen dieser Entscheidung in Kauf.

Prost!

Das Team eines Connewitzer Nachtclubs war am Montag zum Offenen Plenum unseres Kollektivs gekommen, um uns von den schwerwiegenden Vorfällen in ihrem Laden zu erzählen. Daraufhin haben sie gemeinsam diesen Brief verfasst. Wir solidarisieren uns mit dem Team und unterstützen den mutigen Schritt, den sie gegangen sind!

Edit: Wir möchten uns für eine missverständliche Formulierung entschuldigen. Der Vorfall am 14.06. steht in Zusammenhang mit einem sexuellen Übergriff, der außerhalb des Clubs passiert sind. Wir haben die missverständliche Formulierung geändert.

20 Gedanken zu „Offener Brief aus dem Connewitzer Nachtleben“

  1. Dieser Post macht bei Facebook seine Runde. Ich finde es gut dies öffentlich zu machen. Allerdings muss es offen ausgesprochen werden, welcher Laden das Problem hat. Ich bin drauf gekommen, um welchen es sich handelt, nur glaube ich dass sich so verdeckt dort gar nichts ändern wird. Alle sind beleidigt und mehr wird dabei nicht rum kommen.

    1. Diese Entscheidung hat das Team getroffen, dass diesen Brief verfasst hat. Es ging vornehmlich darum, die Fronten in dem Konflikt nicht weiter zu verhärten, die Situation aber gleichzeitig nicht unter den Teppich zu kehren. Eine solche Entscheidung der betroffenen sollte man akzeptieren, auch wenn sie eventuell nicht die Eigene gewesen wäre.

  2. Ich finde es gut, daß ihr diese Geschichte öffentlich macht. Allerdings sollte der Club auch namentlich genannt werden! Connewitz als Ort zu nennen, finde ich fragwürdig. Im Conne Island, Werk2 und UT Connewitz wird bei solchen Übergriffen radikal durchgegriffen. Auch wird es ohne direkten Weg bei dem Club nichts ändern. Alle sind beleidigt und machen weiter wie gehabt.

    1. Diese Entscheidung hat das Team getroffen, dass diesen Brief verfasst hat. Es ging vornehmlich darum, die Fronten in dem Konflikt nicht weiter zu verhärten, die Situation aber gleichzeitig nicht unter den Teppich zu kehren. Eine solche Entscheidung der betroffenen sollte man akzeptieren, auch wenn sie eventuell nicht die Eigene gewesen wäre. Mit der Veröffentlichung der Vorfälle soll außerdem für solche Situationen sensibilisiert werden.

    2. Die Frage ist, welche Übergriffe? Das geht halt nicht aus dem Artikel hervor. Am 14.6. gab es ja laut Artikel keinen Übergriff. Eine Definition dafür ist wahrscheinlich eh nur: „Das, was ich selbst als übergriffig empfinde“. Oder? Die Frage ist, wie geht man je nach Situation mit Gästen um, die als übergriffig empfunden werden? Zunächst Ermahnung, direkt Rauswurf? Gibt es denn da pauschale Möglichkeiten?

      1. Im Island haben wir immer beide Personen zum Ausgang geholt und dann wurde die Sache dort besprochen. Dann mußte die Person die sich nicht anständig verhalten hat gehen. Das hat immer funktioniert. Hat sich der Tatverdacht nicht bestätig, ist klar…muß keiner gehen. Wenn bekannt ist, daß man auch rausfliegen kann wenn man sich sexistisch verhält. Ist das oft auch präventiv.

  3. Wieso nennt ihr den Club nicht beim Namen? Sonst wird doch auch schnell alles öffentlich gemacht was kacke ist. Wer soll hier geschützt werden?

  4. Wieso macht ihr das nicht öffentlich? So hat der Beitrag nicht allzu viel Sinn außer dass ihr euch den erlebten Mist mal von der Seele geschrieben habt

  5. Sinnlos nach einem offenen Brief mit diesem Inhalt die VerfasserInnen eben dieses Briefes zu kritisieren. Gehts noch? Kritik yo – aber bitte an die richtige Adresse, danke und solidarische Grüße an die KündigerInnen

  6. „Kritik yo – aber bitte an die richtige Adresse“. Ja, ok, aber wenn diese nicht benannt wird ist das sinnlos bis unmöglich , da nicht mit Vermutungen kritisieren kann. Und dabei geht es nicht darum den Sachverhalt zu bezweifeln sondern als Bewohner oder Gast von Connewitz die Möglichkeit zu haben vor Ort sich dazu zu äußern und Kritik da anzubringen wo sie hingehört. So bleibt nur eine Wolke im Off und das ist nicht hilfreich sonder eher schädlich für eine Aufklärung und Durchsetzung von Rechten. Und auch wenn ich mir denken kann, wie viele andere sicher auch, welcher Klub so bleibt es nur eine Vermutung und das ist mir persönlich nicht genug um zu handeln.
    Der Sachverhalt an sich ist ohne Diskussion zu unterstützen.

  7. Ich möchte noch anfügen, dass, wenn es je in einem Laden so laufen würde, wie von Dir verlautbart, Franz, kaum jemals Menschen dort arbeiten würden, die auch nur annähernd aware sind bezüglich Sexismus, Feminismus, etc. Ein solcher Laden würde keine 20 Jahre bestehen, nicht einmal 20 Stunden. Und wenn Du selbst jemals in einer Situation gewesen bist, wie Du sie schilderst, und nicht augenblicklich die Polizei gerufen hast, entbehrt Deine Verleumdung jeglicher Glaubwürdigkeit.

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